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So…jetzt bin ich doch tatsaechlich schon ueber 3 Jahre hier in London. Ich kann eigentlich gar nicht sagen, was mich in dieser Stadt haelt, warum ich noch immer hier bin. Im Grund genommen ist das Leben viel schwieriger als in Wien zum Beispiel. Hier ist alles hektisch. Jeder arbeitet staendig, um sich ueber Wasser zu halten, es ist immer laut und immer ist was los. Es vergeht kaum eine halbe Stunde, in der man nicht irgendwelche Einsatzfahrzeuge (vor allem Polizei)

vorbeiflitzen hoert oder sieht. Das Wetter ist groesstenteils mies – wenn’s nicht regnet, ist es zumindest trueb, bis auf die paar Tage im Jahr, wo die Sonne sich doch dazu bequemt, mal ein Auge auf London zu werfen. Da wird’s dann allerdings heiss, dunstig und oft riecht’s auch etwas streng (vor allem, wenn die Muellabfuhr grad mal wieder streikt und sich die Mistsaecke auf der Strasse tuermen). Vom Smog oder den hohen Ozonwerten, die einem an heissen Tagen den Atem nehmen, will ich ja gar nicht reden.

Also…was haelt mich denn hier, in diesem Spinnennetz?

Weil damit kann man London vergleichen, mit einem Spinnennetz. Irgendwie faszinierend, man bleibt drin haengen, wunderschoen mit Tautropfen drauf, aber doch irgendwie abstossend und gaensehauterzeugend.

Vielleicht ist es die wunderbare Vielfalt an Kulturen, die hier sich vermischen aber doch auch eigenstaendig bleiben koennen? Die vielen kleinen "Inseln" mitten im Meer der grossen englischen Metropole? Die winzigen Geschaefte, die spezialisiert sind auf Produkte, die Menschen aus anderen Laendern "zu hause" fuehlen lassen sollen. Da gibt es afrikanische, karibische, indische, chinesische, japanische, russische Geschaefte und Viertel und noch viele mehr, die ich gar nicht alle aufzaehlen kann. Da gibt es Kirchen und Tempel und Gebetshaeuser und Moscheen und Synagogen und so weiter….kaum eine Religion, die hier nicht vertreten ist.

Auf der Strasse – besonders auf kleinen Strassenmaerkten, wo es alles gibt von der Zahnbuerste ueber Obst bis hin zu Schreibtischlampen – sieht man die unterschiedlichsten Menschen in allen Farbtoenen, in den unterschiedlichsten Bekleidungen. Frauen in Saris, in kurzen Miniroecken, in halblangen Umhaengen mit weiten Hosen dazu, in langen Schleiern, wo man nur die Augen sieht, in Jeans und T-shirt, in Roecken und Struempfen mit langen Jacken und Hut, Frauen mit den tollsten Haargeflechten, mit sehr langen Haaren, ohne Haare, mit ganz kurzen Haaren, mit Dreadlocks oder glattfrisierten Haaren. Maenner in Jeans mit Unterleiberl und Bierbauch, in langen Kaftans, mit kleinem Kaeppchen am Kopf oder ohne, in halblangen weissen Gewaendern mit weissen Hosen drunter und spitzen Schuhen, in bunten Umhaengen mit Goldstickerei, in langen dunklen Maenteln und Hut unter dem Schlaefenlocken herausschauen, mit Turbans oder hochaufgetuermten Dreadlocks unter bunten Strickhauben, ohne Haare mit Tattoos, mit langen Haaren unter einem Tuch aufgesteckt.

So eine bunte Menge, so ein Sprachgewirr, gross und klein, jung und alt, dick, duenn, rosa oder dunkelbraun,….. wunderbar! Und ich mitten drin. Duefte von unterschiedlichsten Gewuerzen, Raeucherstaebchen, Oellampen, verschiedenen Speisen, die zum Kauf angeboten werden, wehen mir um die Nase.

Aber das ist natuerlich nur eine Facette von London. Auf der anderen Seite gibt es die Faszination der modernen Grossstadt. Buerotuerme mit Glasfassaden, in denen sich die umliegenden Gebaeude spiegeln, Menschen, die in durchsichtigen Aufzugskabinen auf und ab schweben, Wolken, Voegel und – gelegentlich - die Sonne werden von den glatten Flaechen reflektiert. Die Hektik der Menschen, die in diesen Vierteln arbeiten ist ansteckend, verleitet dazu, mit schnellen Schritten und gesenktem Kopf voran zu hetzen. Doch haelt man inne, bleibt man an der Seite im Menschengewirr stehen, dann hat man die Moeglichkeit, die aussergewoehnliche Spannung aufzunehmen, die aus dem Kontrast zwischen altem Gemaeuer und moderner Konstruktion entsteht. Wenn sich rote Ziegelbauten und alte weissgetuenchte Fachwerkhaeuser zwischen Glas und Beton hartnaeckig durchsetzen und mit ihren dekorierten Fassaden und schraegen Waenden aus der Reihe tanzen, dann wird man sich der langen Geschichte bewusst, die hinter dieser Stadt und ihrer Architektur steht.

Eine weitere interessante Seite Londons sind die Wohngebiete mit unendlich sich hinziehenden Reihenhauszeilen. Fuer Nichtansaessige sind diese Siedlungen der reinste Irrgarten, mit Haeusern, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Bei genauerer Betrachtung aber, wird man feststellen, dass praktisch keine Eingangstuer der anderen gleicht und, dass die Kapitaele auf den kleinen kitschigen Saeulen an den Fenstern unterschiedlichst geformt sind. Da gibt es Blumen, Pflanzen, Tiere, Fabelwesen und menschliche Koepfe, die meistens ein Selbstportraet des Maurers sind, ich habe aber auch schon einmal das Gesicht der Frau des Maurers an einem dieser Kapitaele gesehen. An den Vorgaerten laesst sich auch ziemlich gut erkennen, wer in den Haeusern wohnt. Da gibt es sehr gepflegte, bepflanzte Gaertchen, betonierte Parkflaechen mit ein oder zwei Blumentoepfen, Vorgaerten die oeffentlichen Muellhalden gleichen, wildverwucherte Dschungelgaerten, Vorgaerten voll Kinderspielzeug und Fahrraedern, welche mit hohen Mauern rundherum und Gartentor und kleinste Maeuerchen, die nicht einmal einen Dackel mit Gicht daran hindern wuerden hinein zu kommen. Die Eingangstueren haben verschiedenste Farben und Formen, verschiedenste Tuerklopfer und Briefschlitze, bunte Glasfenster oder blickdichtes Glas, mit Torbogen oder eckig, einbruchssicher oder auch nicht.

Dann gibt es auch noch die offensichtlich haessliche Seite Londons. Die halbverfallenen, verlassenen Haeuser mit zugenagelten Fenstern und Tueren, die schmutzigen Hintergassen, die Bahnunterfuehrungen, die finsteren Winkel und Dauerbaustellen,

auf denen nichts weitergeht, die Parks voller Drogensuechtiger und Obdachloser und die Strassen, auf denen der Wind Muell vor sich her treibt. Und, so schwer das auch zu glauben ist, auch diese Facette Londons hat ihre Reize. Erst kuerzlich bin ich am Abend zu Fuss nach Hause gegangen durch einen weniger schoenen Stadtteil. Die Sonne war gerade am Untergehen und es war noch relativ warm. Und ich hab mir Zeit gelassen. Zeit, mich umzusehen, nach den Bahnbruecken aus rotem Ziegel, wo die untergehende Sonne durch die Boegen strahlt, nach den dunkelrosa Wolken, die an Fabriksschloten und den Gaswerken vorbeiziehen, nach Kirchtuermen und Minaretten, die sich dunkel vom kitschig roten Hintergrund abheben.

Ja, auch die verwahrloste Seite Londons hat etwas an sich und vielleicht ist es diese Vielfalt, dieses ewige Sich-Aendern, das mich an London fasziniert. Wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht, verliert sie nie ihren Reiz und wird einen ewig in ihren Bann ziehen.

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